Der Architekt & sein Baumeister

Mahler 5. Sinfonie, Gera

"Der Architekt & sein Baumeister"


....Der Geehrte selbst ist unter der erdrückenden Last unzähliger Blumensträuße sichtlich bewegt
Es geht um einen Abschied. Denn zusammen mit dem Intendanten verlässt auch der Generalmusikdirektor die Stadt: Russell N. Harris, fünf Jahre lang nicht immer unumstrittener Chefdirigent der Geraer Philharmoniker verabschiedet sich in seinem letzten Sinfoniekonzert mit dem, was er am besten kann - mit einer Sinfonie von Gustav Mahler. Dieses Mal hat er nach einer gut gearbeiteten aber bisweilen ungenau gespielten Schubert-Fünften vor der Pause für den zweiten Teil Mahlers Fünfte gewählt, jenes querstehende Stück absoluter Musik, das drei programmatischen Sinfonien folgte.
Harris weiß, wovon das Werk handelt. Er versteht es, im Scherzo die Zerrissenheit wie eine Karikatur zu fokussieren, in den Ecksätzen die lärmende Fassade erst erstehen zu lassen und später mit gewaltigem Getöse wieder einzureißen. Sicher mag gerade im Zentralsatz, um den sich die gesamte Sinfonie gruppiert, die von Harris angeschlagene Langsamkeit befremdlich wirken, doch sie trifft recht genau jenen Ton, der Mahler wohl vorschwebte, als er ein Scherzo komponierte, das an allen Ecken und Enden knirscht und aus den Fugen gerät.
Ist der Dirigent der Architekt jener gewaltigen Kathedrale, die an diesem Abend in Gera vorgeführt wird, so ist der glänzend aufgelegte Sascha Eilert sein Baumeister. Denn Mahlers Fünfte ähnelt stellenweise einem Bläserkonzert. Nicht nur, dass der Solotrompeter im ersten Satz jenen gewaltigen Trauermarsch intonieren und führen muss, er hat auch später noch genug zu tun. Allein schon die Bläserchoräle im zweiten und fünften Satz sind kraftaufwändiger als so manch andere Sinfonie im Ganzen.
Die Leistung färbt auf die Kollegen ab. Selten in der Vergangenheit präsentierte sich die Blech-Gruppe derart homogen, gewann man schmetternder Schlachten-Musik so viel Schärfe ab. Nur im vierten Satz schweigen die Bläser. Die Streicher präsentieren jenes Adagietto (den Hit aus Viscontis „Tod in Venedig") glücklicherweise ohne jeden Schmachtende Schmalz, spielen dabei um vieles konzentrierter als noch im unpräzisen Scherzo. Es hätte ein musikalisches Kabinett-Stückchen sein können - würde nicht die verstimmte Harfe den Hörer aus allen Träumen reißen.
Bei derlei stilistischem Gefühl für Gustav Mahler, wie es Russell N. Harris auch mit dieser Sinfonie wieder bewies, schmerzt sein Weggang doppelt. Denn das Geraer Philharmonische Orchester wird nun nicht nur in der nächsten Saison ohne einen Chefdirigenten spielen, zugleich bleibt auch der von Harris so überzeugend begonnene Mahler-Zyklus nach gerade mal vier spannenden Sinfonien unvollendet. Schade drum!

Ostthüringer Zeitung